Die Legende hat eine Zukunft

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Die Legende hat eine Zukunft

Auf dem 1969 eröffneten Salzburgring wurde jahrzehntelang Motorsportgeschichte geschrieben. Dank des sich abzeichnenden Einstiegs von Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz könnte die legendäre Rennstrecke bald wieder an frühere Glanzzeiten anschließen.
Ein Artikel von Helmut Millinger

Bei einem Besuch des Salzburgrings stellt sich unweigerlich ein Gefühl der Ehrfurcht ein. Auf dem im Nesselgraben zwischen Koppl und Plainfeld gelegenen, 4,2 Kilometer langen Asphaltband haben sich Triumphe und Tragödien abgespielt. Die schnelle Fahrerlagerkurve, die 750 Meter lange Start-Ziel-Gerade und die Nocksteinkehre sind vielen Motorsportfans auf der ganzen Welt ein Begriff.

Die Liste der Piloten, die hier in den 1970er-Jahren ihre Runden drehten, liest sich wie ein Who is Who der internationalen Rennsportszene. Auch wenn die Formel 1 nie auf dem Salzburgring gastierte, gaben sich Stars der Königs-klasse wie Jacky Ickx oder die zweifachen Weltmeister Jackie Stewart, Emerson Fittipaldi oder Graham Hill ein Stelldichein. Sie lieferten sich bei den Rennen zur Formel 2-Europameisterschaft packende Duelle.

Der unvergessliche Jochen Rindt bestritt am 30. August 1970 im Nesselgraben sein letztes Rennen und siegte unter dem Jubel zehntausender Fans vor Jacky Ickx. Sechs Tage später kam Rindt beim Abschlusstraining für den Grand Prix von Italien in Monza ums Leben. Er wurde nur 28 Jahre alt. Auch Österreichs Motorsportikonen Niki Lauda und Dieter Quester gingen regelmäßig in Salzburg an den Start.

Der Ring wurde ursprünglich als schnellste Rennstrecke der Welt geplant. Auch wenn er später durch den Einbau von Schikanen etwas entschärft wurde, ist er noch immer eine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Das zeigt nicht zuletzt der eindrucksvolle Rekord, den Werner Daemen im Jahr 2009 aufstellte. Der Belgier erreichte mit seinem Superbike einen Rundenschnitt von unglaublichen 189,3 km/h, und das, obwohl der Kurs immerhin zwölf Kurven aufweist. „Der Salzburgring ist wie Zolder in Belgien eine Urrennstrecke. Heute baut man solche Strecken nicht mehr, sie werden am Reißbrett entworfen“, meint Alexander Reiner, der seit 1985 als Geschäftsführer die Geschicke des Salzburgrings lenkt.   

Für Reiner hat die Rennstrecke auch 47 Jahre nach ihrer Eröffnung nichts von ihrer Faszination verloren: „Es sind vor allem drei Dinge, die den Reiz des Rings ausmachen: die Geschwindigkeit, die wunderschöne Landschaft in der Umgebung und die einmalige Lage. Von der Fahrerlagerkurve aus können die Zuschauer 80 Prozent der Strecke einsehen.“

Der wohl glanzvollste Abschnitt in der Geschichte des Salzburgrings waren die Jahre 1971 bis 1994, als im Frühsommer regelmäßig der Motorrad WM-Zirkus im Nesselgraben Halt machte. Zu den Grand Prix-Rennen kamen 100.000 Motorsportfans, die Live-Übertragungen im Fernsehen wurden weltweit von mehr als einer halben Milliarde Zuschauer mitverfolgt. „Das waren schon absolute Highlights, damals stand der Ring international im Fokus“, erinnert sich Alexander Reiner.

Am Start war alles, was im internationalen Motorradrennsport Rang und Namen hatte: der 15-fache Weltmeister Giacomo Agostini auf seiner legendären MV Agusta, der fünffache Champion Toni Mang aus Bayern, der Amerikaner Kenny Roberts, der in Salzburg seinen ersten Grand Prix-Sieg feierte oder dessen Landsmann Eddie Lawson. Der vierfache Weltmeister war 1984, 1986 und 1988 auf dem Salzburgring nicht zu schlagen.

Der fünffache Formel 1-Weltmeister Juan Manuel Fangio fuhr 1979 mit einem Mercedes W 154 auf dem Salzburgring.

Der wohl beste Motorradrennfahrer aller Zeiten: Giacomo Agostini aus Italien auf seiner legendären MV Agusta.

Ex Formel 1-Pilot Karl Wendlinger (l.) und Skiass Franz Klammer (r.)

Spektakuläre Schräglagen: Werner Daemen (l.) und Kai-Borre Andersen (r.) lieferten sich auf ihren Superbikes ein packendes Duell.

Der dreifache Formel 1-Champion Niki Lauda bei einem Oldtimerrennen.

Alexander Reiner kann sich noch an so manche legendäre Anekdote erinnern, bei der die populären Motorradasse die Hauptrolle spielten. So mussten etwa 1980 die Rennen abgesagt werden, weil es Anfang Mai noch einmal kräftig geschneit hatte. „Die Teams waren natürlich mit Sommer-reifen unterwegs und hatten größte Probleme, auf den Hügel bei der Ringzufahrt hochzukommen. Später ist dann das Wohnmobil von Randy Mamola abgebrannt, weil er zu stark eingeheizt hatte. Mamola blieb zum Glück unverletzt“, erzählt Reiner.

Weniger glimpflich gingen einige schwere Unfälle aus. Am 1. Mai 1977 erlitt der Schweizer Motorradrennfahrer Max Stadelmann bei einer Massenkarambolage tödliche Verletzungen. 1994 starben drei Streckenposten, nachdem beim Training zur Deutschen Tourenwagen Trophäe ein Fahrzeug von der Strecke gerutscht war.

Im gleichen Jahr fand auch der bislang letzte Motorrad WM-Lauf auf dem Salzburgring statt. Die Rennstrecke verlor in der Folge immer mehr an Bedeutung. Erst 2008 gelang ihr mit den Rennen zur Tourenwagen-EM das internationale Comeback. Von 2012 bis 2014 gastierte sogar die Tourenwagen-WM im Nesselgraben. „Darauf waren wir sehr stolz. Schließlich ist die Tourenwagen-WM die zweitwichtigste Serie im Automobilrennsport nach der Formel 1“, erklärt Geschäftsführer Alexander Reiner.

Seit 2015 ist der Ring fixer Bestandteil der internationalen Tourenwagen-Rennserie TCR. Die Abwanderung der Tourenwagen-WM ist für Reiner kein Abstieg, im Gegenteil: „Wir sind der Meinung, dass die TCR über kurz oder lang die WM ablösen wird, weil sie aufgrund der Markenvielfalt attraktiver ist.“

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Geschäftsführer Alexander Reiner

Der Geschäftsführer des Salzburgrings blickt nicht nur aus diesem Grund optimistisch in die Zukunft. Die Ankündigung von Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz, die Rennstrecke um kolportierte drei bis vier Millionen Euro kaufen zu wollen, wird von Reiner ausdrücklich
begrüßt. „Der Einstieg von Mateschitz würde den Ring langfristig absichern und gewährleisten, dass die notwendigen Investitionen getätigt werden.“

Auch eine Rückkehr der Motorrad-WM sei nicht auszuschließen, spruchreif werde dieses Thema allerdings
frühestens 2019. „Das Antreten der WM kostet fünf bis sechs Millionen Euro, wenn man gute Kontakte hat und sieben bis zehn Millionen, wenn man keine hat. Dazu muss es jemanden geben, der eine Vision hat und sagt: Ja, ich will das machen!“, erklärt Reiner.

In wirtschaftlicher Hinsicht seien Motorsport-Großveranstaltungen nicht unbedingt erstrebenswert. „Die Rennen sind wichtig für die Bekanntheit, weil sie international für Aufsehen sorgen, kosten aber eigentlich nur Geld.“ Weitaus gewinnträchtiger sind Fahrsicherheitstrainings sowie Tests, Lehrgänge und Präsentationen großer Automobilhersteller. Sie machen den Großteil des Jahresumsatzes von knapp zwei Millionen Euro aus.

Seit 2013 geht auch das Electronic Music Festival Electric Love auf dem Salzburgring über die Bühne, heuer findet es von 7. bis 9. Juli statt. Während der von Anfang April bis Ende Oktober dauernden Saison ist der Ring fast immer restlos ausgebucht. Das ist auch der Grund, warum der Salzburgring im Gegensatz zu fast allen europäischen Rennstrecken keine Subventionen benötigt. „Wir haben noch nie auch nur einen Cent von irgendjemandem bekommen“, sagt Alexander Reiner stolz.

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