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Ein Artist auf zwei Rädern

Richard Rosenstatter war jahrelang das Aushängeschild der sterreichischen Trialszene. Obwohl der 29-jährige Nussdorfer seine aktive Karriere mittlerweile beendet hat, hängt sein Herz nach wie vor an der pektakulären Motorsportart.

Ein altes landwirtschaftliches Anwesen oberhalb der Pfarrkirche von Nussdorf am Haunsberg. Zunächst ist alles ruhig, doch dann hört man plötzlich ein Motorgeräusch. Ein junger Mann fährt mit seinem Motorrad auf den kleinen Vorplatz des Bauernhofs und dreht ein paar Runden.

Nachdem er zum Aufwärmen auf engstem Raum zehn Sekunden lang auf dem Hinterrad gefahren ist (dieses Kunststück wird Wheelie genannt), legt er so richtig los: Er springt mit dem Motorrad scheinbar mühelos auf eine gut eineinhalb Meter hohe Steinmauer und fährt über eine Stiege wieder herunter. Zu guter Letzt erklimmt er akrobatisch das überdimensionale Rad einer Holzernte-Maschine, um darauf zu balancieren. Dann begibt sich der Fahrer samt Zweirad wieder auf sicheren Boden, stellt den Motor ab und begrüßt uns mit den Worten: „Griaß eich, i bin da Richi.“

Mit vollständigem Namen heißt der Motorradartist Richard Rosenstatter, seine eindrucksvolle Darbietung kommentiert er bescheiden. „So gut wie in meinen besten Zeiten fahre ich nicht mehr.“ Die besten Zeiten des Nussdorfers waren die Jahre 2002 bis 2011. Damals war Rosenstatter die Nummer eins im österreichischen Trialsport.

Beim Trial kommt es darauf an, künstliche oder natürliche Hindernisse mit einem Spezialmotorrad zu überwinden, ohne dass die Füße den Boden berühren. Fehltritte werden mit Strafpunkten geahndet. „Für mich ist Trial eine Mischung aus Motorradfahren und Klettern. Man bezwingt Hindernisse, von denen man zuerst oft gar nicht glaubt, dass man hinaufkommt. Das können Wasserfälle, Felsbrocken, Bäche oder drei Meter hohe senkrechte Wände sein“, erklärt Richard Rosenstatter.

Ein guter Trialfahrer zeichne sich durch Balancegefühl, Sprungkraft, Gefühl für das Motorrad, das richtige Timing und nicht zuletzt auch durch eine Portion Mut aus. „Wenn man mit Vollgas auf eine Mauer zufährt, sagt einem der Instinkt, dass man das nicht machen soll. Diese Blockade muss man überwinden.“

Das Tempo ist zwar meist niedrig, die zum Teil enorme Beschleunigung und das abrupte Abbremsen durch die Hindernisse verlangen den Fahrern aber alles ab. Bei den Wettkämpfen sind Kondition und Konzentration gefragt, ein einziger kleiner Fahrfehler kann fatale Folgen haben. Das muss auch Richard Rosenstatter leidvoll erfahren, der im Lauf seiner Karriere mehrmals schwer zu Sturz kommt. Er zieht sich dabei unter anderem zwei Kreuzbandrisse und einen Meniskusriss zu. „Die schwerste Verletzung war ein Trümmerbruch im linken Knöchel, danach konnte ich ein halbes Jahr nur mit Krücken gehen.“

Rosenstatter kämpft sich zwar jedes Mal wieder zurück, das hartnäckige Verletzungspech ist aber einer der Hauptgründe, warum er 2012 seine aktive Karriere beendet. „Bei den extremen Sachen ist immer mehr die Angst mitgefahren. Deshalb habe ich früher als ursprünglich geplant aufgehört.“

Die ersten Runden auf der Trialmaschine dreht Rosenstatter im zarten Alter von zwölf Jahren. Die Eltern haben anfangs nichts dagegen, schließlich ist sein Vater selbst begeisterter Motorradfahrer. Das ändert sich allerdings relativ rasch. „Sie haben nicht damit gerechnet, dass ich so verrückt danach werde. Als ich schließlich sogar im Finstern mit Stirnlampe gefahren bin, ist ihnen das Ganze ein bisschen zu viel geworden“.

Richi verbringt praktisch jede freie Minute auf dem Motorrad. Das intensive Training zu Hause und beim Trialclub Berndorf trägt schon bald Früchte. 2002 bekommt der damals 16-Jährige die Chance, an der Junioren-Staatsmeisterschaft teilzunehmen – und er nutzt sie: Rosenstatter wird bereits in seiner ersten Saison Vizestaatsmeister, ein Jahr später gewinnt er überlegen den Junioren-Staatsmeistertitel. In den folgenden Jahren holt er sich, trotz starker ausländischer Konkurrenz, vier zweite Plätze bei den internationalen österreichischen Meisterschaften und geht bei sechs Weltmeisterschaften für die Trial-Nationalmannschaft an den Start. 

Der Sprung an die absolute Weltspitze bleibt „Trickyrich“, wie der Trial-Profi von seinen Konkurrenten ehrfürchtig genannt wird, allerdings verwehrt. „Das lag vielleicht auch daran, dass unser Sport in Österreich nicht so stark gefördert wurde wie etwa in Spanien.“ Mit seiner sportlichen Laufbahn ist der sympathische Nussdorfer dennoch zufrieden. „Ich hätte nie geglaubt, dass ich jemals so weit kommen kann.“

Rosenstatters Karriereauftakt verläuft nämlich alles andere als vielversprechend. Seinen ersten Wettkampf beendet er auf dem letzten Platz und mit einem gebrochenen Lenker. „Damals habe ich nicht einmal gewusst, wie das Motorrad richtig befestigt wird. Wir haben es einfach mit ein paar Schnüren in einem alten Anhänger angebunden.“ Richi macht dennoch weiter, mit viel Enthusiasmus und der tatkräftigen Unterstützung einiger guter Freunde. „Wir mussten viel in Eigenregie machen und haben gegen Fahrer gekämpft, für die Geld keine Rolle gespielt hat. Die sind mit zwei Sattelschleppern und drei Mechanikern angerückt.“

Besonders gern denkt der Nussdorfer an die legendären Fahrerlagerpartys nach den Wettkämpfen zurück. So manche seiner Konkurrenten wurden im Lauf der Jahre zu Freunden. „Die Stimmung war eigentlich immer lässig. Wir waren eine große Clique, mit der man sehr viel Spaß gehabt hat.“

Nach dem Ende seiner sportlichen Laufbahn macht sich Rosenstatter 2013 selbstständig und gründet ein Holzernteunternehmen. Daneben hilft er wie bisher im land- und forstwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern mit. Die Motorradstiefel hat er dennoch nicht an den sprichwörtlichen Nagel gehängt.

Richi schwingt sich noch immer regelmäßig auf seine Trialmaschine und zeigt gelegentlich bei spektakulären Motorrad-Stuntshows sein Können. Außerdem berät er vielversprechende Talente und lässt sie von seinem Fachwissen und seiner Erfahrung profitieren. Zu seinen Schützlingen zählen etwa der bayerische Shooting Star Franzi Kadlec, Motocrosser Marcel Stauffer oder der österreichische Trial-Meister Manuel Volgger. Auch Anfänger, die sich für Trial interessieren, können seinen professionellen Rat einholen.

Ein Leben ohne Motorsport kann und will sich Richard Rosenstatter nicht vorstellen. „Ich komme zwar nur mehr selten zum Fahren. Die Leidenschaft ist aber immer noch da und wird auch nie ganz verschwinden“, meint der 29-Jährige.

Helmut Millinger

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