Lyrik lebt!

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Lyrik lebt!

In unserer schnelllebigen Zeit werden Gedichte oft als hoffnungslos veraltet angesehen. Die FLACHGAUERIN hat einige Schriftsteller besucht, die anderer Meinung sind. Sie sind überzeugt davon, dass diese Kunstform noch längst kein Auslaufmodell ist.
Ein Artikel von Helmut Millinger

Sigrid Birgmann schreibt seit mehr als 15 Jahren Gedichte, die meisten davon in Mundart. „Manche Dinge kann man so besser ausdrücken als in der Schriftsprache“, meint die Seekirchnerin.

Bei ihren öffentlichen Auftritten mit der Flachgauer Mundartrunde habe sie nichts davon bemerkt, dass sich niemand mehr für Lyrik interessiere. Im Gegenteil: „Zu unserer letzten Lesung in der Wallerseehalle sind einige hundert Zuhörer gekommen. Dieser große Zuspruch freut einen natürlich sehr“, sagt die 72-Jährige.

Sigrid-Birgmann-quer-2---Foto-Helmut-MillingerMit dem Schreiben hat Sigrid Birgmann schon in jungen Jahren begonnen. Gedichte sind für sie auch ein Mittel, um persönliche Erfahrungen aufzuarbeiten. „Ich kann damit etwas ausdrücken, was ich sonst nicht sagen könnte.“ Birgmann schreibt fast jeden Tag und hat, wie sie selbst sagt, „ganze Mappen voll mit neuen Gedichten“. Zettel und Kugelschreiber müssen immer in Griffweite sein. „Wenn mir in der Nacht etwas einfällt, stehe ich auf und notiere meine Gedanken. Genauso ist es, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe.“

Besonders stolz ist die Mundartdichterin auf ihre beiden Gedichtbände. Der bislang letzte, „Funkn eisammen“, ist 2012 im Eigenverlag erschienen. „Es war eine kostspielige Angelegenheit, aber das war es mir wert, weil ich unbedingt noch einmal ein Buch herausbringen wollte“, erzählt Birgmann.

Ein Leben ohne Lyrik kann sich auch Christoph Janacs nicht vorstellen. Christoph-Janacs-quer---Foto-Helmut-Millinger„Im Gedichte schreiben und lesen steckt mein Herzblut“, meint der Autor aus Niederalm. „Es wird immer Menschen geben, die Gedichte schreiben. Bei uns fehlt eher die öffentliche Wahrnehmung, Lyrikbände werden ja nur noch von sehr wenigen Zeitungen rezensiert.“

Zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn verfasst Janacs Erzählungen, Romane und Essays. Im Lauf der Zeit wendet er sich aber immer stärker der Lyrik zu. Zu seinen Vorbildern zählen Ilse Aichinger, Günter Eich, der Franzose René Char und der Mexikaner Octavio Paz. Ein Vierzeiler aus einem Gedicht von Paz ziert sogar die Fassade von Janacs Haus in Niederalm.

Mittlerweile hat der Schriftsteller mehr als ein Dutzend Gedichtsammlungen veröffentlicht, die letzte mit dem Titel „Kains Mal“ erschien erst vor wenigen Monaten. Die Lyrik ermögliche es ihm, mit wenigen Worten ein Maximum an Inhalt auszudrücken, so Janacs: „Ein Gedicht ist die genaueste Form etwas zu formulieren. Schon ein Beistrich oder ein Wort, das nicht stimmt, können alles ruinieren.“

Christoph Janacs bricht auch in seinem Brotberuf eine Lanze für die Lyrik. Der HTL-Lehrer liest mit seinen Schülern Gedichte aus den unterschiedlichsten literarischen Epochen. „Ein Gedicht wie ‚schtzngrmm‘ von Ernst Jandl schlägt bei 14- oder 15-Jährigen unglaublich ein, weil es für sie fast wie ein Rap klingt.  Sie können aber auch mit einem älteren Gedicht wie ‚Prometheus‘ von Goethe etwas anfangen. Da geht es um einen Revoluzzer, der seine Stirn gegen Zeus erhebt. Solche Dinge bleiben hängen und so gesehen hat Lyrik auch durchaus eine Zukunft“, erklärt Janacs.

In der Klassik und in der Romantik sei die Lyrik noch eine herausragende literarische Gattung gewesen. Daran habe sich in südeuropäischen Ländern wie Frankreich oder Spanien bis heute nichts geändert. „Dort lernen die Kinder noch Gedichte auswendig. Im deutschsprachigen Raum fristet die Lyrik dagegen ein Orchideendasein. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass man dafür Zeit braucht“, meint Christoph Janacs.

Für die in Koppl lebende Künstlerin Lea Anders sind Gedichte „eine Möglichkeit, um in eine andere Welt einzutauchen“. Die sogenannte hohe Lyrik sei aber für viele Menschen nur schwer zu verstehen. „Ich habe deshalb für mich die Nische Alltagslyrik gefunden. Sie hat keinen so hohen Anspruch und entspricht mehr der Lebensrealität der Menschen.“

Lea Anders Gedichte sind aus dem Leben gegriffen Sie beschäftigen sich mit der Natur ebenso wie mit den Themen Liebe und Familie. „Ich habe 20 Jahre in der Erwachsenenbildung und der Persönlichkeitsentwicklung gearbeitet. Da wird man mit den unterschiedlichsten körperlichen und seelischen Bereichen bis hin zum Tod konfrontiert.“

Ähnlich wie in der Malerei seien auch in der Lyrik die starren Regeln vergangener Zeiten nicht mehr gültig. Das Schreiben von Gedichten bleibe deshalb nicht auf eine kleine eingeschworene Gruppe von Autoren beschränkt. „Die Schreibwerkstätten erfreuen sich großer Beliebtheit und es gibt auch viele Veranstaltungen. Deshalb ist diese Art von Literatur heute viel mehr Menschen zugänglich als früher.“ Bei ihren eigenen Lesungen setzt Anders häufig auf eine Kombination von Text und Musik. „Für Marathonlesungen muss man geübt sein. Ich versuche Menschen, für die Lyrik nicht alltäglich ist, eine leichter verdauliche Form zu bieten.“

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