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Nahrhafte Übeltäter

Wenn das Essen zur Qual wird: Nahrungsunverträglichkeiten und Allergien.

Milch, Brot und Früchte sind Sinnbilder gesunder Ernährung. Doch unser vielfältiges Angebot an paradiesisch verführerischen Produkten aus aller Welt verursacht bei vielen Menschen Bauchweh, Blähungen, Durchfall, Hautausschlag, Schnupfen oder Atemnot. Eine wachsende Schar verträgt Milchprodukte, Brot-, Back- und Teigwaren und Früchte nicht mehr. Und so finden sich auf einer großen Anzahl von Nahrungsmittel-Verpackungen Angaben wie laktosefrei, fruktosefrei, histaminfrei oder glutenfrei.

„Etwa ein Viertel der Bevölkerung hierzulande leidet an Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -allergien, andere an funktionellen Bauchbeschwerden, meist mit wechselnden Stühlen, unangenehmem Druckgefühl, Luft im Bauch einhergehend – dem Reizdarm“, schildert Primar Univ.-Doz. Dr. Raimund Weitgasser. „Weitere sind geplagt von schweren Störungen der Nahrungsaufnahme wie Zöliakie (betrifft den Dünndarm) und potentiell gefährlichen Darmentzündungen wie Colitis ulcerosa (den Dickdarm) oder Morbus Crohn (den ganzen Magen-Darm-Trakt)“.

Mehr Frauen als Männer betroffen

Vor hundert Jahren waren die meisten unbekannt oder selten. Heute gelten sie als Volkskrankheiten und sind auch Basis eines Milliardengeschäfts. Über die Ursachen der quälenden Leiden hat man zuletzt noch mehr herausgefunden. So etwa, dass von den Nahrungsmittelintoleranzen aus rein biologischen Gründen mehr Frauen als Männer betroffen sind. Bei Frauen nimmt der Dünndarm meist weniger Fruktose, also Fruchtzucker, auf als bei Männern. So werden Obst und manche Gemüsesorten von Frauen weniger gut vertragen als von Männern. Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, so weiß man, dass etwa die Neigung zur Laktoseunverträglichkeit im Erwachsenenalter vielen Betroffenen sozusagen in die Wiege gelegt wurde. Doch Achtung: Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten sind häufig einfach ein Verdauungsproblem und in sehr seltenen Fällen steckt die Ursache in den Genen. Denn alles, was wir dem Körper zuführen, muss verwertet und abgebaut werden. Nun nehmen wir aber heute manchmal solche Mengen zum Beispiel an Histamin, Fruktose oder Laktose zu uns, dass unser Darm schlichtweg überfordert ist und nicht genügend Enzyme hat, um diese Nahrungsbestandteile zu verdauen. So kommt es zu den Problemen unterschiedlichster Art.

Intoleranz ist nicht Allergie

Unsere Ernährungsgewohnheiten fördern teilweise die Entstehung von nahrungsmittelbedingten Überempfindlichkeitsreaktionen. Neben den Zusatzstoffen, die viele industriell verarbeitete Lebensmittel enthalten, kann auch eine vermeintlich gesunde Ernährung der Grund für Blähungen und Bauchkrämpfe sein. So ist die Empfehlung „Fünfmal am Tag Obst und Gemüse“ für Menschen, die Probleme mit der Aufnahme von Fruktose haben, keine hilfreiche. Echte Allergien auf Nahrungsmittel sind relativ selten und treten bei ca. fünf bis acht Prozent der Kinder bzw. ein bis drei Prozent der Erwachsenen auf. Man geht jedoch davon aus, dass viele Allergien undiagnostiziert bleiben und es daher eine höhere Dunkelziffer gibt. Allergien in den ersten Lebensjahren bilden sich in vielen Fällen wieder zurück. Anders bei Erwachsenen – hier bleiben Allergien oft ein Leben lang bestehen und verändern sich lediglich in ihrer Ausprägung. Laien betiteln Unverträglichkeiten häufig als Allergien, doch eine harmlose Zuckerunverträglichkeit ist längst noch keine Nahrungsmittelallergie. Eine Nahrungsmittelallergie unterscheidet sich in ihren Grundmechanismen nicht von anderen Allergien wie z. B. der Pollenallergie. „Zu den häufigsten Auslösern von Nahrungsmittelallergien zählen Kuhmilch, Hühnereier, Sojabohnen, Nüsse und Samen, Weizen, Fisch, aber auch Obst wie Pfirsich oder Äpfel und Gemüse wie z. B. Sellerie,“ so der Leiter der Inneren Medizin in der Klinik Diakonissen Salzburg. Über eine gemischte Kost werden bis zu 170 verschiedene Stoffe aufgenommen, die eine Allergie verursachen können (Lebensmittelallergene).

Wenn es des Öfteren im Bauch rumpelt, gärt und zwickt, dann ist das in einer Esskultur voller Milchprodukte und fruchtiger Süße normal. „Malabsorption“ heißt die verminderte Aufnahme von Stoffen im Darm. Bei Nahrungsmittelintoleranzen werden bestimmte Stoffe der Nahrung fehlerhaft verstoffwechselt. Die Verwertung im Körper funktioniert nicht richtig. Fälschlicherweise werden Intoleranzen häufig als Allergien bezeichnet. „Da das Immunsystem aber nicht beteiligt ist und keine Antikörperbildung oder andere Lymphozyten-Reaktion stattfinden, sind es keine Allergien“, erklärt Primar Weitgasser und fügt hinzu: „Die Beschwerden können jenen bei Allergien jedoch sehr ähnlich sein. Bei Intoleranzen sind bestimmte Enzyme bzw. Transportmechanismen im Darm nicht ausreichend vorhanden bzw. defekt“. Tatsache ist, dass immer mehr Menschen mit Milchzucker (Laktose) oder Fruchtzucker (Fruktose) hadern – oder gleich mit beiden Übeltätern. Da diese Zucker billige Stoffe zur Verfeinerung von Speisen sind, tauchen sie in vielen Süßigkeiten auf: in Schokolade, Eis, Gummibärchen, aber auch in Wurst oder Kochschinken. Und Honig besteht hauptsächlich aus Fruchtzucker.

Veränderung Essverhalten

Die Liste potenziell unverträglicher Nahrungsbestandteile ist lang. So schlägt den meisten Menschen der Zuckeralkohol Sorbit (auch: Sorbitol) auf den Magen. Sorbit, eng verwandt mit der Glukose, kommt besonders in Trockenfrüchten und in Kernobst wie Birnen oder Pflaumen vor. Schon die Oma warnte, nicht zu viel davon zu essen, sonst drohten Durchfall und Bauchweh. Heute gelangt Sorbit als Feuchthaltemittel und Zuckerersatzstoff in Süßigkeiten, Kaugummis und Diät-
lebensmittel. Überhaupt sind viele Substanzen, die immer öfter Unverträglichkeitsreaktionen auslösen, wie Histamin, aber auch Fruchtzucker, Milchzucker oder Gluten in vielen Nahrungsmitteln, oft auch versteckt, enthalten. Und so richtig kompliziert wird’s, wenn gleich mehrere Unverträglichkeiten vorliegen.

Heilbar ist das Leiden „Nahrungsmittelunverträglichkeit“ heute noch nicht. Doch Betroffene können gut damit leben – vorausgesetzt, sie halten sich beim Essen an bestimmte Regeln. So kann man sich von Experten einen Ernährungsplan erstellen lassen, der auf die individuelle Problemlage abgestimmt ist und in regelmäßigen Abständen aktualisiert wird. Durch die Vermeidung bestimmter Lebensmittel, oft auch schon durch die Verringerung der Aufnahme der Lebensmittel mit den unverträglichen Inhaltsstoffen können die Symptome der Unverträglichkeiten meistens gut unterdrückt werden. Hilft die Veränderung des Essverhaltens nicht, können auch Medikamente gegeben werden, die Bauchweh & Co unterdrücken und die Verdauung unterstützen. Was Betroffene auf keinen Fall tun sollten, ist untätig zu bleiben und nichts gegen die Unverträglichkeit zu unternehmen. „Manchmal kann sich ja dahinter auch eine echte entzündliche oder sonstige Erkrankung des Verdauungsapparats verstecken. Eine medizinische Abklärung mit verschiedenen Tests ist dazu angezeigt“, meint Internist Raimund Weitgasser.

Maria Riedler

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