Orte der Begegnung

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Orte der Begegnung

Ohne die Dorfwirtshäuser und die vielen Stammtischrunden, die sich dort treffen, wäre das Leben in den Flachgauer Orten um vieles ärmer. Der persönliche Kontakt von Mensch zu Mensch steht hier noch im Mittelpunkt.
Ein Artikel von Helmut Millinger

Das Wirtshaus ist weit mehr als nur ein Ort der Nahrungsaufnahme, es ist ein zentraler Bestandteil des dörflichen Lebens. Das weiß auch Oliver Putz. „Die Wirtshäuser auf dem Land sind wichtige Kommunikationszentren. Man erfährt dort Sachen, die man bei Facebook oder WhatsApp nicht findet. Wenn ein Dorf kein Wirtshaus mehr hat, stirbt es“, sagt Putz.

Der gelernte Konditor ist Pächter des Wirtshauses im 300 Jahre alten Hellbauer Haus, das 2011 von der Gemeinde Göming abgetragen und im Ortszentrum wieder aufgebaut wurde. „Wirt ist einer der härtesten, aber auch schönsten Berufe, die es gibt. Eigentlich müsste ich das Zehnfache verdienen, weil ich Psychologe, Pfarrer, Koch und Kellner in einer Person bin“, meint Putz.

Sein Wirtshaus werde von den Dorfbewohnern gut angenommen. „Man kann auch in einer Gemeinde mit 700 Einwohnern genügend Besucher haben. Die Göminger hatten zwar 30 Jahre lang kein Wirtshaus, sind aber immer gern fortgegangen.“

Gemütliches Ambiente

Neben Vereinen wie der Landjugend, der Feuerwehr oder der Frauenbewegung treffen sich auch einige Stammtische regelmäßig im „Wirt z‘Göming“. Einer von ihnen ist der achtköpfige Stammtisch der WhatsApp-Gruppe Freundeskreis. „Wir treffen uns schon seit etwa 15 Jahren, um über Gott und die Welt zu reden. Vor vier Jahren haben wir den wöchentlichen Stammtisch hierher verlegt, weil uns das gemütliche Ambiente gefällt und wir mit dem Pächterehepaar befreundet sind“, erzählen Rita Neumeister und Claudia Emig.

Stammtisch für Generationen

Eine Stammtischrunde gibt es auch im Restaurant Friesacher in Anif. Sie gilt als eine der ältesten im Land Salzburg. „Der Friesacher Stammtisch ist eine Institution im Dorf, die seit mindestens 100 Jahren besteht“, sagt Georg Löffelberger, der zum Obmann auf Lebenszeit ernannt wurde.

Dem reinen Männerstammtisch gehören seit jeher neben Bauern und Unternehmern aus den verschiedensten Branchen auch prominente Ortsbewohner an. Einer von ihnen ist Pfarrer Raimund Sagmeister. „Ich schätze es, in einer gemütlichen Stube mit Leuten zusammenzusitzen, mit denen ich mich gut verstehe“, meint Sagmeister.

Für Immobilienmakler Markus Friesacher ist der Stammtisch „fast so etwas wie eine mündliche Dorfzeitung“. In den Gesprächen gehe es um Wirtschaft, Ortspolitik, aber auch um Klatsch und Tratsch. „In einer Zeit, in der immer weniger miteinander geredet wird, ist der persönliche Kontakt etwas sehr Wichtiges“, betont der Geschäftsführer von Friesacher Immobilien.

Durch den Stammtisch habe sich auf sympathische Weise eine Art Netzwerk gebildet. „Jeder von uns hat unterschiedliche Kenntnisse und Fähigkeiten und versucht, den anderen zu helfen, auch in beruflicher Hinsicht“, so Markus Friesacher.

Die Zahl der Mitglieder ist auf 25 begrenzt. „Wenn ein Platz frei wird, setzen wir uns zusammen und entscheiden, wer neu dazu kommt“, erklärt Obmann Löffelberger. Die sonntäglichen Stammtischsitzungen dauern nicht selten bis nach Mitternacht. Wenn es die Zeit erlaubt, nimmt auch Gastgeber Michael Friesacher selbst am Stammtisch Platz. „Ich bin gern mit dabei, weil es speziell zu später Stunde oft eine Mordsgaudi ist“, so Friesacher.

Sein Restaurant wird von Gästen aus Hallein, der Stadt Salzburg sowie dem benachbarten Bayern, aber auch von Festspielbesuchern aus aller Welt und Einheimischen frequentiert. „Ich bin stolz darauf, dass so viele Anifer zu uns kommen“, betont Friesacher. Ein Dorfwirtshaus sei das Restaurant, das seit Jahren über eine Haube verfügt, aber nicht. „Diese Bezeichnung trifft allein schon aufgrund unserer Größe nicht zu. Wir haben immerhin 200 Sitzplätze.“

Klassischer Dorfwirt

Ein klassisches Dorfwirtshaus ist dagegen der Gasthof Neuwirt in Eugendorf, der in zwei Jahren sein 60-jähriges Jubiläum feiern wird. „Für uns ist die persönliche Kommunikation das Wichtigste. Die Gäste kommen nicht nur wegen der Küche, sie wollen über ihre Probleme oder Urlaubserlebnisse reden und auch von uns etwas Privates erfahren“, sagt Josef Hörl, der das Wirtshaus gemeinsam mit seiner Frau Birgit führt.

Auch wenn der Bauernstammtisch am Sonntagvormittag mittlerweile der Vergangenheit angehört, ist der Gasthof bei den örtlichen Stammtischrunden nach wie vor sehr beliebt. Die Mehrzahl der Besucher kommt aus einem Umkreis von 25 bis 30 Kilometern, gut fürs Geschäft ist vor allem die Nähe zur Stadt Salzburg. „Dort gibt es nicht mehr viele typische Wirtshäuser. Der Großteil sind Italiener und Chinesen, bei denen man vergeblich österreichische Speisen sucht“, erklärt Josef Hörl. Für so manchen alteingesessenen Wirten seien Fast Food-Restaurants sowie die Hauszustellung von Pizzerias und Chinarestaurants aber durchaus ein Problem. „Wenn nicht gerade eine Hochzeit oder ein Begräbnis ansteht, wird sehr gern auf das Dorfwirtshaus vergessen.“

Göming Stammtisch Claudia Emig, Rita  und Manfred Neumeister

Göming Wirtsleute Oliver und Christine Putz

Michael Friesacher und Michael Friesacher jun.

Stammtischrunde beim Friesacher in Anif

Eugendorf Neuwirt Birgit und Josef Hörl

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