einsamebucht

Wandern zwischen Himmel und Meer

Wer – umweht vom Duft der Aleppokiefern – von einem pittoresken Höhenweg hinunter aufs türkisblaue Meer geblickt hat, schwärmt fortan von Mallorca als Wanderparadies.

Selbstverständlich können Sonnenhungrige auf Mallorca wunderbar Strandurlaub machen. Doch wer die größte der Baleareninseln wirklich kennenlernen will, kommt nicht im Hochsommer. Jenseits der bevölkerten Touristenstrände gibt es nämlich zahlreiche paradiesische Ecken, die es wert sind, in Ruhe auf Schusters Rappen entdeckt zu werden. Besonders im Frühjahr und Frühsommer ist das Wandern auf Mallorca bei angenehmen Temperaturen der pure Genuss. Hier gibt es abwechslungsreiche Touren für jeden Wandergeschmack von sehr anspruchsvollen in der Serra de Tramuntana im Norden bis hin zu gemütlichen Strandspaziergängen im Osten und Süden. Und das Schöne am Inselwandern ist: Badefreunde kommen immer auf ihre Kosten. Nach praktisch jeder kleinen und großen Tour bietet sich ein Sprung in die glasklaren Fluten des Mittelmeers an. Viele Wanderungen enden sogar in kleinen, verschwiegenen Buchten.

Gemächlich nach Betlem

Idealer Ausgangspunkt für einen Wanderurlaub fernab vom Pauschaltourismus ist Artà im Nordosten der Insel. Enge Gässchen, gesäumt von Bürgerhäusern, bestimmen das Bild des Städtchens. Die Fensterläden der Häuser sind meist geschlossen und wirken fast abweisend. Das Stadtleben spielt sich hauptsächlich in den Innenhöfen ab. Massentourismus sieht anders aus. Zum Leben erwacht Artà nur am Dienstagvormittag. Dann ist Markttag und wer früh aufsteht, kann in der Markthalle an der Piazza noch die schönsten Früchte und das frischeste Gemüse auswählen. Später wühlen sich die Menschen dicht an dicht durch das bunte Angebot der Stände in den Hauptstraßen. Gleich hinter dem Städtchen beginnt der 1700 Hektar große Nationalpark Peninsula de Llevant. Die 13 Wanderwege führen durch niedriges Buschland mit vielen Zwergpalmen hinauf auf die Berge, hinunter ans Meer oder über Klippen, malerische Buchten und feine Sandstrände am Meer entlang. Ein Muss ist die gemächliche Tour zur „Ermita de Betlem“. In der trutzigen Einsiedelei wohnten noch bis zum Jahr 2010 Mönche. Seit diese in ihr Ruhestandsdomizil nach Sóller im Nordwesten der Insel gezogen sind, wird überlegt, wie das ehemalige Kloster für Kulturzwecke genutzt werden kann. Wanderer parken fünf Kilometer nach Artà auf dem Parkplatz beim Landgut Aubarca.  Gemächlich geht es dann auf einem gut ausgetretenen Pfad 250 Meter den Berg hinauf. Ziegen, die sich an den Gräsern gütlich tun, sind ein guter Grund für eine Rast. Kurz vor dem Kloster grüßt die Gottesmutter Maria aus einer künstlichen Grotte am Wegesrand. Das letzte Wegstück führt durch eine eindrucksvolle Zypressenallee zum Kloster hinauf. Wer sich noch fünf weitere Minuten Zeit nimmt und den schmalen Pfad hinter der Einsiedelei zum Mirador (Aussichtspunkt) hinaufsteigt, wird mit einer überwältigenden Sicht auf das glitzernde Meer belohnt.

Erholung nach den „Strapazen“ bietet der Hinterhof des Parisien. In Artàs Bohèmecafé schlürfte angeblich schon Günther Grass seinen Café con Leche. Ob er anschließend sein Abendessen im Restaurant Forn Nou eingenommen hat, ist nicht bekannt, es wäre ihm aber auf jeden Fall zu empfehlen. Kenner bestellen keinen Tisch im Hauptrestaurant, sondern schlemmen zum Beispiel „Conejo“ (Kaninchen) im Keller, gleich neben der Küche und – noch interessanter – dem gut sortierten Weinregal.

Mallorquinisches Landleben

Ruhe suchende Prominente, wie der oben genannte berühmte deutsche Schriftsteller oder Boris Becker, schätzen die Umgebung von Artà übrigens schon lange. Meist residieren sie auf ihren eigenen Fincas, die von riesigen, uneinsehbaren Grundstücken umgeben sind. Doch auch „Normalsterbliche“ können sich einen solchen Urlaub leisten. Sie müssen sich zwar selbst ums Essen kümmern, dafür bieten die meisten Fincas Luxus zu erschwinglichen Preisen. Ein einsames Bad im Swimming Pool und der anschließende Apéritif auf der Terrasse sind genau das Richtige für diejenigen, die das abgeschiedene mallorquinische Landleben genießen und trotzdem auf nichts verzichten wollen.

Zitronenkuchen mit Ausblick

Schon im Frühjahr ist der landschaftlich äußerst reizvolle Westen der Insel überlaufen. Auto- und Rennradfahrer liefern sich zum Teil waghalsige Duells auf der engen Bergstraße zwischen Deià und Sóller. Wanderer stehen da drüber und zwar auf dem Höhenweg Camí de Castelló, der die beiden bekannten Kommunen verbindet. Er zählt zu den schönsten Wanderwegen der Insel. Am besten am frühen Vormittag wird zunächst das Künstlerdorf Deià besichtigt. Dann ist noch Platz und Muse, um in den kleinen Läden, wo allerhand Selbst-Gefertigtes angeboten wird, herum zu kruschen. Danach geht es durchs Dorf hinauf zum Friedhof.

Wenn die Besucherströme anschwellen wird es allerdings Zeit, sich auf den alten Pflasterweg zu begeben. Nach einem kurzen Anstieg führt er fast immer eben durch terrassierte Olivenhaine, zwischen Gutshöfen hindurch und über Ziegenweiden. Dem beständigen Augen-
folgt kurz vor dem Abstieg nach Sóller ein Gaumenschmaus im Garten der Finca Can Prohom. Wandern auf Mallorca bedeutet eben nun einmal riechen, schauen, staunen und oft auch schmecken. Dafür sollte man sich auch Zeit nehmen und manchmal lieber einen einfacheren Weg den imposanten Gipfeln der Insel vorziehen. Bei auf der Zunge zergehendem Zitronenkuchen und frisch gepresstem Orangensaft schweift der Blick zum Puig Major des Son Torrella, mit 1.445 Metern der höchste Berg Mallorcas. Wie gut, dass man sich weiter den süßen Köstlichkeiten hingeben kann und sich nicht Gedanken machen muss, ob man ihn erklimmen sollte. Die Entscheidung wird einem in diesem Fall abgenommen, der gesamte Gipfel ist militärisches Sperrgebiet. In Sóller angekommen, geht es mit dem Bus oder Taxi wieder an den Ausgangspunkt zurück.

Ausblicke auf die karibisch-blaue See bieten die meisten Wanderungen. Einen besonders schönen gibt es auf einem Stück ursprünglicher Felsenküste im Osten der Insel von der Cala Romàntica zur Cala Barques. Ungeübte stehen allerdings erst einmal vor einer vier Meter hohen Steilstufe, die es zu überwinden gilt. Wer sich nicht traut, kann 150 Meter weiter zum Küstenplateau hinauf steigen. Durch dichte, duftende Macchia geht es über die Cala (Bucht) Falcó zum spektakulärsten Punkt der Wanderung: dem Cova des Pont, einer imposanten Felsbrücke. Schwindelfreie können sie bequem begehen und fühlen sich dabei buchstäblich zwischen Himmel und Wasser.

Doris Goossens

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