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Weil der Mensch zählt

„Ich habe aus dem Helfen mehr gelernt, als ich jemals zurückgeben kann!“, so Barbara Stögner über ihr soziales Engagement. Schon in jungen Jahren hat die gebürtige Oberösterreicherin Komfortzone gegen Abenteuer – und damit ihre Heimat Bad Ischl gegen den krisengeschüttelten Nordsudan – getauscht, um als Entwicklungshelferin zu arbeiten. Heute ist die inzwischen 48-Jährige Geschäftsführerin des Pflegevereins Straßwalchen. Zu ihrem „Traumjob“ hat sie das Leben geführt…
 Ein Artikel von Doris Ahornegger
Barbara Stögner (Mitte) mit Nataliya Baur und Elisabeth Strohmayer, Mitarbeiterinnen des Seniorentageszentrums in Strasswalchen.

Barbara Stögner (Mitte) mit Nataliya Baur und Elisabeth Strohmayer,
Mitarbeiterinnen des Seniorentageszentrums in Strasswalchen.

Kennen Sie das Gefühl, wenn plötzlich alles einen Sinn ergibt? Wenn jede Station des Lebens sich wie ein Puzzlestein an den anderen fügt, und man plötzlich das große Ganze erkennt?“ Barbara Stögner gerät noch heute ins Schwärmen, wenn sie über den Moment erzählt, als sie auf die Stellenausschreibung des Pflegevereins Straßwalchen gestoßen ist. Und tatsächlich, blickt man auf den Weg der studierten Sozialmanagerin zurück, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier so etwas wie Schicksal im Spiel war.
Mit Afrika und dem Thema Sozialarbeit wird die Bad Ischlerin erstmals in der Schule konfrontiert. Es ist ein Vortrag von Karl Heinz Böhm, der in ihr damals große Faszination und Neugierde auslöst. Dies geht so weit, dass Barbara Stögner mit 17 beschließt, die Hauswirtschaftsschule in Bad Ischl abzubrechen, und stattdessen ein freiwilliges soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung zu absolvieren. Von ihrem damaligen Chef erfährt sie per Zufall von einem Gästehaus einer Missions-gesellschaft im Nordsudan, für das dringend eine Leiterin gesucht wird. Barbara Stögner überlegt nicht lange. Einen Monat später sitzt sie – gegen den Willen ihrer besorgten Familie – im Flieger nach Khartum, bereit, ins kalte Wasser zu springen. Die vorgeschriebenen Impfungen hat sie intus, das ist aber schon alles, was unter den Punkt ‚Reisevorbereitung‘ fallen würde. Ganz abgesehen von den sprachlichen Herausforderungen, hat die junge Frau noch keine Ahnung, was sie in dem fernen Land erwarten wird.

Erste Schule in Banat

Erste Schule in Banat Fotos: Barbara Stöger

Und dennoch, „als ich angekommen bin, dachte ich, ich kenne diesen Ort“, erinnert sich Stögner zurück. Von Anfang an fühlt sie sich wohl, begegnet der fremden Kultur mit offenem Herzen, und wird ebenso aufgenommen. Schnell findet sie sich mit den neuen Aufgaben zurecht, lernt viele interessante Menschen kennen, und bekommt erste Einblicke in die Entwicklungshilfe. Der Wunsch, selbst zu helfen, wird von Tag zu Tag größer, daher bewirbt sich Stögner nach einem halben Jahr an der Salzburger Krankenpflegeschule. Zwei Jahre arbeitet sie anschließend an den SALK, macht nebenbei eine Tropenausbildung für Krankenschwestern, und beschließt mit Anfang 20 erneut, nach Afrika zu gehen. Drei Jahre lang ist Barbara Stögner für ein Straßenkinder-Hilfsprojekt im Einsatz, wieder im Sudan, in dem damals wie heute in weiten Landesteilen Bürgerkrieg herrscht. Doch das hält sie nicht davon ab, ihrem Herzen zu folgen, ihren Träumen nachzugehen.
Es ist die Zeit, in der Stögner fürs Leben lernt. Konfrontiert mit Lebensumständen, in denen manch einer bezweifelt, überhaupt überleben zu können. Armut und Leid sind überall präsent, und die junge Frau muss schnell die Erfahrung machen, nicht jedem helfen zu können. Doch die Gewissheit, zumindest manche Menschenleben retten zu können, gibt ihr Kraft. „Zwar ist es oft nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch jeder Mensch ist es wert, alles uns Mögliche zu tun, um ihm zu helfen!“, so Stögner, die auch heute noch oft an die so emotionalen Erlebnisse zurückdenkt. Etwa an den kleinen Jungen mit der schweren Kriegsverletzung, der ohne Hilfe dem Tod geweiht gewesen wäre. Stögner und ihr Team haben damals einen Spendenaufruf gestartet und es geschafft, das Kind trotz aller behördlichen

Regenzeit in Khartoum Nord

Regenzeit in Khartoum Nord

Komplikationen nach Salzburg ausfliegen und operieren zu lassen. Eines dieser kleinen Wunder, das die Entwicklungshelferin spüren lässt, wie wichtig ihr Tun ist. Auch wenn es oft Rückschläge gibt. Doch Barbara Stögner lernt, mit derlei Situationen umzugehen, und schöpft unendliche Kraft daraus.
Mit Mitte 20 kehrt sie nach Salzburg zurück. Eine große Portion Lebenserfahrung im Gepäck. Doch der Wiedereinstieg ins heimische Gesellschaftsleben fällt ihr schwer. „Wenn man aus einem Land kommt, in dem Tag für Tag ums Überleben gekämpft wird, und plötzlich an Werbetafeln für einen Hundefrisörsalon vorbeispaziert, empfindet man das einfach nur als verrückt. Dennoch musste ich mich irgendwie wieder zurecht finden in dem System“, so Stögner. Eine Ausbildung zur Intensivschwester hilft ihr dabei, wieder neuen Sinn, eine neue Herausforderung in ihrem Beruf zu finden. Sich in Krisensituationen zurecht zu finden, in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren und flexibel zu sein, hat sie in Afrika gelernt. Und das kommt ihr auf der Intensivstation zugute.
Barbara Stögner lebt für ihren Job, gleichzeitig verspürt sie irgendwann den Wunsch, die Matura nachzuholen und zu studieren. Und was sich die Powerfrau in den Kopf setzt, zieht sie auch durch. Vier Jahre lang verbringt sie jede freie Minute über den Büchern, absolviert berufsbegleitend das Studium zur Sozialmanagerin an der FH Linz.

Keksebacken

Keksebacken

Und dann geht es plötzlich Schlag auf Schlag. Barbara Stögner liest die Stellenausschreibung des Krankenpflegevereins Straßwalchen, und weiß im selben Moment, dass das ihr Job ist. Sieben Jahre ist das nun her. Sieben Jahre, in denen die Powerfrau unheimlich vieles verändert, erreicht und vor allem bewegt hat. „Alte Menschen wollen wahrgenommen werden, sie alle haben ihre eigene Geschichte, haben Zeiten erlebt, die wir uns nicht mehr vorstellen können, sie haben es verdient, als ebenbürtige Menschen gesehen zu werden!“ Dieser Leitsatz begleitet Barbara Stögner in ihrer Funktion als Geschäftsführerin des Vereins, der neben 23 ausgebildeten MitarbeiterInnen auch an die 100 ehrenamtliche Helfer beschäftigt.
Während die professionellen Tätigkeiten in die Bereiche Hauskrankenpflege, Haushaltshilfe und Betreuung des Seniorentagesheimes unterteilt sind, kümmern sich die Ehrenamtlichen vor allem um die Unterhaltung der Senioren. „Dabei geht es vor allem darum, für die Leute da zu sein, zuzuhören, ihnen Gesellschaft zu leisten, Neuigkeiten aus dem Ort zu erzählen, mit ihnen zu spielen – sie ins Gesellschaftsleben zu integrieren“, so Stögner, die mächtig stolz ist auf ihr Team.
365 Tage im Jahr wird ihr Krankenpflegeverein von den Freiwilligen – zu 98 Prozent Frauen – unterstützt, in fixen Schichten, so dass immer jemand da ist, wenn Hilfe benötigt wird. Etwa, wenn ein Arztbesuch ansteht, und keine Angehörigen da sind. Oder auch, um den alten Menschen bei alltäglichen Tätigkeiten, die mit der Zeit nicht mehr so leichtfallen, zur Hand zu gehen.
Entstanden ist der Krankenpflegeverein einst dank der Privatinitiative einer ortsansässigen Lehrerin und des damaligen Gemeindearztes. 32 Jahre ist das nun her. Inzwischen ist der Flachgauer Verein aus dem Kreis der Salzburger Sozialeinrichtungen nicht mehr wegzudenken, und mit seinem breiten Angebot österreichweit einzigartig. Barbara Stögner hat hier ihre berufliche Erfüllung gefunden. Und ist jeden Tag aufs Neue dankbar: „Ich darf das Leben so genießen, da möchte ich einen kleinen Teil als Dankeschön zurückgeben. Als soziales Zeichen an die Gesellschaft sozusagen…“

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